Kolumne

Das Leben lieben

Mein Atem geht ruhig und gleichmäßig. Ich sitze in meinem Garten. Ein sanfter Wind streichelt über die nackte Haut meiner Arme und Beine. Ein Hund bellt in der Ferne. Die Sonne des späten Abends streift sanft und gülden über die grünen Blattspitzen der Rosenblätter und ein zarter Duft der letzten Sommerblumen erfüllt mich. Es ist ein kleiner Augenblick der mich wärmt und nährt. Dieser kleine Moment in dem ich ganz in der Ruhe, im Jetzt bin. Ich höre die Autobahn in der Ferne. Ich weiß um die offene Baustelle vor meinem Haus und dass gleich die Kinder wieder lautstark allen Raum um mich einnehmen werden. Mir ist bewusst, dass gerade jetzt viel Unheil auf Erden geschieht, während ich hier sitze und mich auf das fokussiere, was mich stärkt – einfach in dem ich den Blick meines Herzens darauf lenke und ganz im Moment bin. Das Leben zu lieben ist heutzutage manchesmal nicht einfach. Es drückt mir manchmal wie der Schuh des Aschenputtels, denn ich bin nicht die Prinzessin, der er passt. Er ist zu klein für mich. Ich kann mich nicht einfinden in dem Palast des Königssohnes, der mir ewigen Reichtum, Wohlstand, Macht und Liebe verspricht. Ich muss damit zurecht kommen, dass mein Fuß zu groß ist, um in den gläsendernen Schuh der Perfektion hineinzupassen. Lange habe ich mich darum gegrämt, doch jetzt, jetzt beginnt etwas Neues in mir zu keimen. Etwas, dass mich staunen lässt. Was nützt mir der dämliche Prinz auf seinem Ross und ein funkelndes Schloss, wenn ich nicht eins bin mit mir und meinem großen Fuß. Mein Fuß, der sich nicht einengen lassen möchte von Konventionen und Vorgaben. Ganz ehrlich: Mein Fuß mag überhaupt keine Schuhe. Im Ernst. Ich besitze etwa vier Paar tragfähige Schuhe. Ein paar Sportschuhe zum Joggen (was ich selten tue, weil ich lieber Schwimme und auch hier keine Schuhe brauche), ein paar warme Stiefel, ein paar schicke schwarze bequeme Schühchen, die ich sowohl unter meinem seidenen Kleid als auch auf dem Weg zum Kindergarten meines Sohnes trage und naja – da gibt es noch dieses Paar, das ich gekauft habe und nie wirklich getragen. Es ist zu schön und zu hoch und zu glitzernd – es ist so ein Aschenputtel wird über Nacht zur Prinzessin – Schuh. Ich geh am liebsten barfuß. Da spüre ich das weiche Gras was mich unter meinem Schritt wie ein grüner Teppich, weich und kühl bettet. Es hat etwas von frei sein – dieses Barfuß gehen und ich liebe es frei zu sein; denn ich bin es noch viel zu selten. Das Hoffen auf Prinz und Schloss macht mich nicht frei. Es macht mich eng und unselbständig, wartend und schmachtend auf den Tag an dem ich das Leben führe, dass ich lieben kann. Doch warum, denke ich mir, nicht einfach damit anfangen etwas zu lieben was in mir und um mich ist? Im Moment ist es noch immer das sanfte Licht der Abendsonne, das Gurren der Tauben, der kurze Augenblick absolute Ruhe, bevor der Sturm meiner zwei Söhne wieder zu toben beginnt. Im Jetzt sein und das finden, was mich lieben lässt macht mich frei. Der Prinz und das Schloss kommt danach 😉 Hat ja niemand gesagt, dass man verzichten muss, wenn man das Leben liebt... und irgendwann tue ich mal wieder so, als wäre ich eine erwachte Prinzessin im glitzernden Pantöffelchen. Manchmal muss eben auch ein bisschen Glitter und Prunk sein, damit ich mich wieder daran erinnern kann, dass das was ich wirklich liebe, meistens ganz einfach ist.

Garten Gottes Lebensfreude Magazin Wivvica
Kolumne

Mein Fahrrad ins Glück

In der heutigen Zeit sind wir überflutet von Eindrücken, Angeboten, Anforderungen. Das was wir im Wesentlichen sind, hat wenig Möglichkeiten zum Vorschein zu kommen. Wir leisten, er-ziehen, konsumieren und leben dahin. Die Kostbarkeit des Lebens ist uns einerseits abhanden gekommen. Andererseit führt uns der Mangel an Zeit, Ruhe & Muße auch wieder heran an das was uns „fehlt“. Wir sehnen uns nach Erholung. Nach uns selbst. Zahlreiche Angebote zum Thema Gesundheit, Wellness und Entspannung schießen wie Pilze aus dem Boden und ja wir brauchen sie, denn längst sind die meisten von uns nicht mehr entspannt und gesund. Nahrungsergänzungsmittel, Kurzurlaube und Yoga boomt wie nie. Ist es ein Bewusstseinswandel, der sich in uns vollzieht? Wollen wir zurück in die Zeit, in der wir einfach gelebt haben, ohne viel Schnickschnack um uns herum? Oder wollen wir einfach noch mehr von allem und sind die vielen Angebot um uns herum im Bereich Wellness nur eine weitere willkommene Ablenkung vom Wesentlichen? Können wir noch einfach sein. Ich meine – einfach – sein? Ganz natürlich mit dem Leben fließen, genießen was wir haben, ohne daran zu denken, was wir alles noch schaffen und werden müssten um endlich richtig zu sein?Endlich in die Gesellschaft passen, endlich erleuchtet, endlich Mutter und Vater entsprechen – sind wir nun 13 oder 55 – letzendlich wollen wir doch alle nur das eine. Nein. Nicht was Sie jetzt vielleicht denken, obwohl es zugegeben auch hier diese kleinen Augenblicke des vollkommenen Loslassens gibt…

So banal wie es klingen mag. Wir wollen geliebt werden. Finden wir Liebe im zehnten Kleidchen von Modemarke xy? Finden wir Liebe in unserem funkelnden und glänzenden neuen Vorzeigemobil? Finden wir Liebe in der nächsten quietschigen Plastikverpackung von Etwas, was uns für einen kurzen Augenblick „Glück“ und „Zufriedenheit“ verspricht?

Was macht uns eigentlich glücklich?

Also bei mir war das mal ganz einfach.

Ich hab mich auf das Fahrrad geschwungen und bin losgefahren. Die Vögel sangen und die Blätter und Blüten, der Himmel über mir, die Steine am Wegesrand – irgendetwas habe ich immer gefunden, was mein Herz erhellt hat und mich tief in meinem Inneren zu etwas sehr kindlichem bewegte: das Staunen.

Heute brauche ich manchmal ewig um mich überhaupt mal auf das Fahrrad schwingen zu können.

Da sind die Kinder, das Haus, die beruflichen Lebensträume und Schäume und ich. Doch manchmal. Manchmal ist er da, der kleine Moment nur für mich allein. Ein Augenblick der wilden Freiheit die mich nicht überkommt, wenn ich an mein Traumhaus, Traummann oder Traumauto denke – so wie es mir die Kreditwerbung neulich versuchte vorzugaukeln. Vollkommen verblüfft las ich: Endlich wieder Freiheit – oder so ähnlich. So ist das also. Endlich wieder Freiheit… die junge Frau auf dem Plakat hatte den Blick sehnsuchtsvoll aus dem Fenster hinaus in die Ferne gerichet. Ich brauche also einen Verschuldungsbrief bei der Bank um wieder Freiheit genießen zu können? Gott sei Dank brauche ich das in meiner Welt am allerwenigsten.

Ich hab ja mein Fahrrad.

Der Himmel, die Natur und ich. Das ist alles was ich brauche um mich wieder zu fühlen und frei zu tanzen wie ein Schmetterling. Mit Verlaub… schei.. auf den Kredit und die Schäume von noch mehr buntem Plastikartikeln in meinen Schränken, Schubladen und Regalen. Danke Gott! Danke, dass es noch immer eine Freiheit gibt, die man nicht kaufen kann. Nun gut. Das Fahrrad hat auch etwas gekostet. Nicht mich. Denn es war ein Geschenk. Aber eines von Wert. Nicht des Fahrrads willens – versteht sich… Aber den Himmel, die Sterne und die Sonne kann manch einer auch ganz ohne den Drahtesel genießen. Gott sei Dank. Übrigens hatte ich ihn heute wieder – diesen klitzekleinen kostbaren und kostenfreien Moment des ganz bewussten, einfachen Glücks. Sie auch?